(eine Weihnachtsgeschichte)

„Wird endlich Zeit, dass Du aus Deinem Sohn einen Mann machst, Hjalmar!“ Alle Krieger am Tisch stimmen dem graubärtigen Griesgram nickend zu und ich spüre, wie sich meine Hände wütend zu Fäusten ballen.
„Selbst meine Tochter verprügelt ihn!“ grölt Einar beifallheischend in die Runde und ich antworte grinsend: „Wie die Mutter ...“ Sein Stuhl fällt nach hinten um als er aufspringt und auf mich losgehen will, aber der Älteste hält ihn zurück.
Ich sehe zu, dass ich die Taverne schnell verlasse. Trete vor die Tür, hole tief Luft und atme seufzend aus. Mein Sohn Talis ist kein Krieger, aber das interessiert diese engstirnigen alten Böcke nicht im Mindesten.
Unterwegs pflücke ich im Vorbeigehen einige Schneebeeren von den Büschen und werfe sie Einar vor die Haustüre. Seine Frau wird sich freuen, wenn er den zertretenen Brei ins Haus schleppt.
Ich lache leise vor mich, werde aber wieder ernst, als ich mein Haus erreiche. Als meine Frau und ich uns in Dämmerstern niedergelassen hatten, überließ man uns gnädigerweise eine schäbige Hütte am Rande.

Meine Frau …. sie steht am Ofen und der Duft von gebackenem Brot umschmeichelt meine Nase. Sie lächelt mir zu, mir wird warm ums Herz und ich drücke ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Adila sieht mich mit ihren wunderschönen und tiefblauen Augen an, die im Kontrast stehen zu ihrer dunklen Hautfarbe. Sie ist Rotwardonin und unser Söhnchen Talis kommt ganz nach ihr.
Der Kleine hat sich schon wieder in seinen Büchern verkrochen und sitzt am Tisch, zwei Kerzen dicht vor sich. Erst als ich ihn anschubse, schaut er leicht irritiert hoch, grinst kurz und widmet sich dann wieder … Ich hebe kurz sein Buch in die Höhe um lesen zu können, was ihm nun wieder in die Hände gefallen ist. Er ist wirklich unersättlich in seinem Wissenshunger.
Ich bin stolz auf ihn, da können die anderen sagen, was sie wollen. Ich wünschte nur, die Kinder würden Talis in Ruhe lassen. Oft kommt er verprügelt heim. Er sagt nichts, aber in seinen traurigen Augen lese ich immer die gleiche Frage: „Warum, Vater?“
Ich weiß es selbst nicht. Weiß nicht, was ich ihm antworten soll. Er wehrt sich nicht, schlägt nicht zurück. Sicher könnte er es, groß genug ist er mittlerweile, aber er steht einfach da und rührt sich nicht, wenn die anderen Jungen mal wieder auf ihn losgehen.

Er ist belesen und verträumt. Wir gehen oft in den Wald, auf die Jagd, aber noch viel lieber liegen wir beide im Gras und schauen den Wolken dabei zu, wie sie ihre Form ändern und aus furchterregenden Drachen kleine Hasen werden. Talis Fantasie ist enorm und mein Herz lacht, wenn ich ihm dabei zusehe, wie er einem Schmetterling hinterher läuft, als sei dies das Spannendste auf Erden.

Ich wollte, ich könnte ihn beschützen. Vor dem, was ihn noch erwarten wird und dem, was man ihm antut.
Ich wollte, ich könnte ihn verstehen. Seine kleine Welt, in die er eintaucht, wenn die Schläge wieder  auf ihn niedergeprasselt sind.
Ich wollte, es gäbe einen Ort, an dem wir leben können, so wie wir sind.

Meine Hand streicht durch sein krauses Haar und er drückt den Kopf sanft an meine Hüfte. „Morgen gehen wir los und jagen den weißen Hirsch, Talis.“
Das ganze Dorf redet von nichts anderem. Seit dieses prachtvolle Tier gesichtet wurde fühlt sich jeder Weidmann berufen, auf die Jagd nach ihm zu gehen. Ich will mir Respekt verschaffen, also werde ich derjenige sein, der mit Fell und Geweih dieses Hirsches zurück kommt. Respekt … für meinen Sohn.
„Können wir nicht lieber Angeln gehen, Papa?“ Sein trauriger Blick geht mir durch Mark und Bein. Er schaut den Tieren lieber zu. Ich kann ihn verstehen, aber ich muss es tun.

Ich liege lange wach, kann nicht schlafen und wälze mich im Bett hin und her. Adila legt ihren Arm um meinen Brustkorb und kuschelt sich an meinen Rücken. Endlich beruhige ich mich und falle in einen Schlaf voll wirrer Träume.

Im Morgengrauen sind Talis und ich schon unterwegs. Um die Dwemer Ruinen von Mzinchaleft machen wir einen großen Bogen und halten uns weiter nördlich. Dort hatte ich vor zwei Wochen einen kleinen Unterstand errichtet, damit wir dem Wetter nicht schutzlos ausgeliefert sind und Adila würde mich mit bloßen Händen verprügeln, wenn ich ihren Sohn krank zurück bringe. Immerhin ist sie die Tochter eines Stammesfürsten und eine ausgezeichnete Kriegerin!
Es beginnt wieder zu schneien, aber ich kenne diese Gegend genau. Ich bin hier geboren und mein Vater nahm mich ebenfalls oft mit auf die Pirsch. Vor uns taucht der Unterstand auf, der nach drei Seiten geschlossen ist. Ein liegender Baumstamm darin sorgt dafür, dass wir nicht auf dem Boden verweilen müssen.
Talis lässt sich neben mir nieder, ich nehme seine Mütze ab und klopfe den Schnee runter, damit sie nicht nass wird. Dann ziehe ich sie ihm feixend über die Augen und genieße sein Lachen. Ich wickele ihn in eine Decke ein.

So sitzen wir eine ganze Weile da und starren auf die Wand aus Schnee vor uns. Der Wald ist hier nicht so dicht und die Spuren der Tiere lassen auf einen Wildwechsel schließen. Schneeflocken tanzen wild vom Himmel, taumeln herab, drehen sich und Talis hält die Hand auf um einige davon einfangen zu können. Fasziniert betrachtet er die schmelzenden Kristalle.
Fast wäre mir die Bewegung hinter einem riesigen Baum entgangen. Meine Hand tastet nach Talis Arm, er schaut mich fragend an und ich nicke in die Richtung. „Das ist etwas.“ flüstere ich und halte mir den Finger vor dem Mund um meinem Sohn zu signalisieren, dass wir schweigen sollten.
Es dauert einige Minuten und ich befürchte schon, dass der Schnee mir einen Streich gespielt hat, da sehen wir ihn! Stattlich taucht der Hirsch vor uns auf und er ist weiß! Ich halte den Atem an, weil ich noch nie so ein schönes Tier gesehen habe. Talis zupft aufgeregt an meinem Ärmel.

Ich greife ganz langsam nach meinem Bogen und lege einen Pfeil an die Sehne. Wir werden nicht mit leeren Händen heimkehren. Niemand wird mehr lachen! Mein Körper spannt sich wie der Bogen, der eins mit mir wird und ich ziele.
„Nicht, Papa!“ Schreit Talis auf und reißt meinen Arm hoch. Der Pfeil schießt in den Himmel. Mein Sohn deutet auf einen Punkt hinter dem Hirsch. Zuerst verstehe ich nicht, was er will, dann sehe ich, dass das Tier nicht alleine ist. Ein kleineres Tier war ihm gefolgt. Es muss sein Junges sein. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Ein Vater mit seinem Sohn.
Nun sitzen wir beide da und beobachten die beiden Hirsche. Und sie uns. Ich weiß nicht, wie lange wir so verharren, aber schließlich wandern die Tiere weiter und verschwinden wieder im Dickicht. Und ich … ich hätte diesen prachtvollen Hirsch fast getötet wegen einer Trophäe! Ich schäme mich.
 
An diesem Tage hat mich mein Sohn eine der wichtigsten Lektionen gelehrt: Respektiere das Leben und jedes Wesen.
Ich verstehe nun, warum Talis sich stillschweigend verprügeln lässt. Er sieht etwas in seinen Peinigern, was sie selbst längst verloren glauben. Und sie wissen es … sie hassen ihn dafür … sie hassen ihn für seine Unschuld mit der er die Menschen sieht. Weil sie diese Unschuld längst verloren haben. Geopfert dem Ruhm, dem Gold … so sinnlos.

An diesem Tag habe ich gelernt, die Welt mit seinen Augen zu sehen.

An diesem Tag sitzen Talis und ich abends in der Taverne und lassen uns von den anderen verhöhnen. Es schert uns nicht. Ich weiß nun, was das Leben bedeutet und ich bin reicher zurück gekehrt, als ich es mir je erträumt habe.

Joomla templates by a4joomla