Die folgende Kurzgeschichte entstand während meines Studiums im Rahmen der Vorlesung für Textgestaltung.
Frau Holle - die gestürzte Göttin war unser Thema, zu dem jeder Student eine Geschichte schreiben sollte. Ich transportierte das Märchen in die heutige Zeit. Die alte Rechtschreibung bitte ich zu entschuldigen. Der Text muss schon über 20 Jahre alt sein.


Monika lehnte am Fensterbrett, umrahmt von halbvertrockneten Zimmerpflanzen, die wie Trauerweiden herunterhingen und irgendwann vor langer Zeit einmal sicherlich eine grüne Farbe gehabt hatten. Sah auf die Straße, beobachtete den Regen, der den Bürgersteig überschwemmte, zu einem reißenden Fluß machte. Sie hielt das erste Glas in der Hand, spülte die morgendlichen Vorsätze hinunter und im allgemeinen ertrank das gute Gewissen nach dem dritten Schluck. Moni sagte sich, es wäre nur heute, derselbe Satz den sie sich jeden Abend vorbetete. Zuerst diente der Alkohol der Entspannung, als Belohnung für einen besonders arbeitsreichen Tag. Es folgte die Gewohnheit und schließlich wurden alle ihre kleinen und größeren Probleme in den Fluß des Vergessens gekippt, irgendwo an den Rand des Bewußtseins geschleudert bis zum nächsten Morgen.
Am Anfang war es noch wie eine wundervolle Zeremonie, Kerzenlicht, Kristallglas, Serviette um den Flaschenhals. Jetzt wurde daraus ein hastiger Schluck aus der Handtasche, versteckt in Toiletten, Tiefgaragen. Es hatte nichts Beruhigendes mehr an sich immer auf der Hut zu sein, ständig zusammen zu zucken aus Angst ertappt zu werden. Sie gab nicht sich die Schuld, dachte an ihre Mutter, an den Tag vor fünf Jahren als sie mit zwei Koffern in der Hand aus dem Haus flog und die Tür sich für immer verschloß.

Der Rausschmiß erfolgte während ihrer Lehrzeit, Monika zog zuerst zu einer Bekannten, die ihre Launen nicht lange ertragen konnte. Sie schaffte es trotz allem, ihre Abschlußprüfung zu bestehen. Danach zog sie in eine Dachwohnung und war froh, dem ständig feuchten Keller entkommen zu sein. Gelegentlich zeichnete sie für eine Agentur und hätte sicherlich nicht zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Trinkerei angefangen, für einen Rückzieher war es jedoch zu spät.
Dabei war Moni ganz und gar nicht die klassische Säuferin, welche sich in irgendwelchen Kneipen bis zur Bewußtlosigkeit vollaufen ließ. Sie hielt sich am Rande des Abgrundes und verstand es, die Balance auf einem Seil zu halten, das immer dünner wurde. Heute siegte ihr Arbeitseifer noch bevor der Inhalt der Flasche den Boden erreichte. Sie schwang sich an den Zeichentisch um für den folgenden Tag einige Skizzen anzufertigen, saß dort bis weit nach Mitternacht und brachte es auf diese Weise fertig ohne größere Kopfschmerzen am nächsten Morgen aufzustehen. Moni kramte ihre Zeichnungen zusammen, hastete in die Küche, trank im Vorbeigehen einen Kaffee und öffnete den Kühlschrank.
Sie entschied sich für eine Flasche Whisky, welche bequem in ihrer Handtasche untergebracht werden konnte. So gewappnet stieg sie in ihr Auto und deponierte die Tasche im Handschuhfach. Mit kalten Händen und Herzklopfen ging sie in die Agentur, dieser Auftrag stellte alle bisherigen Arbeiten in den Schatten. Nach einer zweistündigen Debatte verließ sie wutentbrannt das Büro, schleuderte ihre Zeichnungen in den Kofferraum.
Man hatte sie abgefertigt und einem anderen Bewerber den Vorzug gegeben. Mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen fuhr sie davon. Während der Fahrt schweifte ihr Blick über das Handschuhfach, die Hände begannen zu zittern und ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie mußte einfach irgendwo anhalten, suchte nach einem Feldweg und bog in eine Schlammpiste ein. Gierig fingerte sie die Flasche heraus, trank ohne abzusetzen eine Menge, die einen Normalsterblichen vom Barhocker hätte fallen lassen. Monika leerte fast die Hälfte, beruhigte sich und stellte die Flasche zwischen die Vordersitze.

Sie bog wieder in die Landstraße ein und scherte sich den Teufel um ihr schlammverschmiertes Auto. Es fing an zu regnen, Ärger stieg in ihr hoch und wurde mit einem weiteren Schluck wieder nach unten befördert. Einen Moment lang versperrte ihre Flasche die Sicht und als Monika wieder auf die Straße blickte stellte sie ziemlich spät fest, daß sie auf eine Kurve zuraste. Die Flasche fiel aus ihrer Hand, sie klammerte sich ans Lenkrad, versuchte zu bremsen, merkte wie sie über nasses Laub und Schlamm rutschte ohne irgendeine Wirkung ihrer verzweifelten Bremsmanöver zu spüren.  Der Wagen schoß geradeaus weiter, durchbrach einen Weidezaun und setzte mit den Vorderreifen zuerst auf. Monis Kopf flog gegen die Lenksäule, der Sicherheitsgurt schnürte ihr die Luft ab. Ihr Schädel schien in tausend Funken zu zerbersten, bis die Dunkelheit sie mit sich riß. Sie verlor das Bewußtsein und ihr Wagen durchpflügte den Acker bevor ein riesiger Stein ihn zum Stillstand brachte.

Monika öffnete die Augen, Licht explodierte auf ihrer Netzhaut, ließ ihr Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse erstarren. Grelle Punkte tanzten durch den Raum dessen Konturen allmählich schärfer zu werden begannen. Endlich konnte sie Einzelheiten des Zimmers wahrnehmen, fragte sich, wo sie sich befand, ihr Schädel dröhnte und ihre Finger betasteten ein großes Pflaster.
Ein Schatten erschien in der Tür, schwebte auf sie zu und beugte sich über sie. Das Gesicht drohte zu zerfließen, sie blinzelte, von Irgendwoher kam eine Stimme. „Kannst du mich verstehen?“ Krächzende Laute der Zustimmung drangen aus Monis Kehle, ein Stuhl wurde an ihr Bett gezogen. „Wir haben dich aus deinem Wagen gezogen und hierhergebracht.“
Sie erinnerte sich lediglich an die Kurve und das verfluchte Laub, welches sie wie auf Schmierseife über die Straße gleiten ließ. „War nicht mein Tag gestern.“ Langsam konnte sie ihre Stimmbänder wieder kontrollieren, sah ihre Betreuerin lächeln.
„Gestern? Du meinst vor einer Woche. Übrigens habe ich mich unhöflicherweise noch nicht vorgestellt, mein Name ist Karen und du befindest dich hier auf einem alten Bauernhof.“
Soviel Überraschungen waren einfach zuviel für Moni und sie schlief wieder ein. Es dauerte noch drei Tage bis sie ohne größere Schwindelanfälle aufstehen und herumgehen konnte. Bei dieser Gelegenheit lernte sie den anderen Bewohner des Hofes kennen, wie Karen ein Künstler, etwas ausgeflippt aber mit großer Begeisterung für den Schmuckstück genannten Bauernhof. Edward war das Paradebeispiel eines chaotischen Pinselschwingers, sein Atelier wurde durch seine exzessive Art zu malen selbst zum Kunstwerk.

Tagsüber arbeitete er als Theatermaler, ließ sich von großschnäuzigen Bühnenbildnern im Malersaal herumscheuchen, abends und am Wochenende jedoch fand er in seinem Atelier die nötige Ruhe. Karen war gegen ihn die Stille in Person, malte leise mit wohlbedachten Pinselstrichen stundenlang in einer Ecke ihres Bildes herum, erhob nie die Stimme bei ihren abendlichen Diskussionen und sorgte in ihrer Wohnung für pedantische Ordnung, die im krassen Gegensatz zu Edwards wohnlichem Durcheinander stand.
Beide waren die einzig festen Bewohner des Hofes und vermieteten umgebaute Ateliers an gestreßte Kühnster aus der Stadt, die glaubten, auf dem Lande ihre große Eingebung zu bekommen. Ständig sah Moni neue Gesichter und gab es auf, sich die dazugehörigen Namen zu merken. Ihr Verstand begann wieder einigermaßen klar zu arbeiten, ein höchst beunruhigender Zustand und so kam es, daß sie sich auf die Suche nach etwas Trinkbarem machte, ging zielstrebig in die Küche und durchforschte den Kühlschrank. Enttäuscht knallte sie die Tür wieder zu, untersuchte die Regale als Karens Stimme direkt hinter ihr sie zusammenzucken ließ.
„Bei uns gibt’s nur Saft und Tee.“
Monika fuhr erschrocken herum und lief rot an.
„Wir haben die halbvolle Flasche in deinem Wagen gefunden. Das war einer der Gründe, warum wir weder Polizei noch Notarzt verständigt haben, außerdem durchsuchte Edward das Auto nach Ausweispapieren, dabei fand er deine Zeichenmappe.“

Tränen sammelten sich in Monis Augen und bliesen zum Großangriff, trotzig schob sie das Kinn vor, Karen redete ungerührt weiter. „Hat es jemand, der so zeichnen kann nötig zu Trinken?“ Sie bekam keine Antwort und besaß genügend Einfühlungsvermögen nicht nachzufragen, drehte sich stattdessen um, holte einige Kochzutaten aus dem Schrank und drapierte sie auf dem Küchentisch, wandte sich an ihre unfreiwillige Besucherin. „Du mußt mir schon helfen, wenn du heute Abend etwas auf dem Teller haben willst. Wir backen unser Brot selbst, das ist wesentlich gesünder und außerdem billiger.“
Monika stellte sich ziemlich ungeschickt bei den Vorbereitungen an und Karen schüttelte den Kopf, die Stirn in Falten gelegt. „Man merkt doch gleich, daß ihr Städter von vernünftigem Kochen keine Ahnung mehr habt. Bei euch kommt’s doch nur darauf an, euer Essen schnell auf den Teller zu klatschen und in die Mikrowelle zu schieben. Dabei kann Brotbacken sehr entspannen, ganz davon abgesehen schmeckt ofenwarmes Brot unvergleichlich.“
Mit angewidertem Blick auf ihre teigverschmierten Hände versuchte Moni sich das Endergebnis vorzustellen. Karen nahm ihr belustigt die Schüssel ab, heizte den Backofen an, legte den Teig auf ein Blech. Beide setzten sich an den Küchentisch und tranken Tee. Der aufgeheizte Ofen erwärmte den Raum, wurde mit Brot bestückt, dessen frischgebackener Geruch bald von der Küche aus seinen Weg in die anderen Zimmer fand.
Draußen tauchte der Sonnenuntergang Bäume und Felder in goldenes Licht, das langsam der Dämmerung wich. Karen zündete einige Kerzen an. Monika begann ihre Geschichte zu erzählen, wurde durch keinen Kommentar unterbrochen, lehnte sich schließlich zurück und wartete vergebens auf eine Erwiderung. Stattdessen nahm Karen das Brot heraus, stellte es ans Fenster, deckte den Tisch. Moni fragte sie ungeduldig. „Hast du nichts dazu zu sagen?“
Karen setzte sich wieder und sah sie an. „Kommt darauf an, was du von mir erwartest. Soll ich dich dafür bedauern, daß du dir durch deine Sauferei das Leben versaut hast? Ich helfe dir gerne, aber verlang von mir kein Mitleid.“
Monikas Augen wurden groß, ihr Mund öffnete sich vor Erstaunen, eine deftige Bemerkung blieb ihr jedoch im Halse stecken. Karen holte seelenruhig das abgekühlte Brot, begann es zu zerschneiden, legte ein Stück auf Monis Teller und verstaute den Rest bis auf einige Scheiben im Küchenschrank. „Ich bringe nur das Brot in Sicherheit.“ Sie blickte Karen verständnislos an, hörte Schritte und Edward erschien in der Tür, hatte nur Augen für das Brot, begrüßte sie knapp, angelte sich eine Scheibe und stopfte sie sich in Windeseile in den Mund. Gierig schnappte er sich alle übrigen Stücke, stapelte sie auf seinem Teller, wollte ihnen zulächeln und dachte im letzten Moment daran, daß er den Mund voll hatte, hob die Hand zum Abschied und verschwand.

Monikas Kinnlade folgte der Schwerkraft und rutschte in die Tiefe, entgeistert starrte sie auf die spärlichen Brotkrümel. Karen hingegen grinste. „Das passiert jedesmal, besonders wenn er mal wieder einer seiner inneren Eingebungen folgt. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, wenn er mal wieder eine seiner inneren Eingebungen verfolgt.“ Beide lachten, saßen bis tief in die Nacht hinein in der Küche, tranken Tee oder eben Saft.
Am Morgen wurde Monika durch lautes Klopfen an der Tür aufgeweckt, verschlafen schlenderte sie hinüber, öffnete und stand Karen gegenüber, die wetterfest gekleidet war, ihr ein paar Wanderschuhe entgegenhielt. Moni rieb sich den Schlaf aus den Augen und fragte. „Soll ich die Kühe melken oder warum schmeißt du mich aus den Federn? Es ist ja noch dunkel.“
Karen drückte ihr die Schuhe in die Hand, holte eine dicke Jacke nebst Schal und reichte sie weiter. „In 10 Minuten gibt’s Frühstück, danach ist Spazierengehen angesagt.“ Sprach’s und ging in Richtung Küche davon.
Monika schüttelte den Kopf, zuckte mit den Schultern und kam kurze Zeit darauf fertig angezogen in die Küche. Sie frühstückten so ausgiebig, daß sie schon befürchtete, Karen würde sie durch Feld und Wiesen scheuchen bis ihre Zunge am Boden entlangschleifte. Beide traten ins Freie, sahen noch Licht in Edwards Atelier brennen, was Karen eine spöttische Bemerkung entlockte. „Sieht so aus, als hätte er seine Eingebung doch noch eingefangen.“ Ihr Lachen erstarrte als Dampfwolke vor ihrem Gesicht.

Es wurde hell und sie machten sich auf den Weg. In der Nacht hatte es zum ersten Mal gefroren, alle Pflanzen waren mit einer weißen Schicht bedeckt und selbst der Atem schien zu Eis zu erstarren. Auf die Frage, was dieser Spaziergang zu so unchristlicher Stunde zu bedeuten habe erhielt Monika lediglich ein geheimnisvolles Lächeln zur Antwort.
Also trabte sie schweigend neben Karen her, die sie auf einen Hügel führte, von dem aus das ganze Tal überblickt werden konnte. Sie kletterten auf einen Hochsitz und Karens unerwartete Stimme ließ sie zusammenzucken. „Ist es dieser Anblick nicht wert, so früh aufzustehen?“ Nebelschwaden lagen über dem Tal und wurden durch das langsam durchdringende Sonnenlicht aufgelöst, es war ein Kampf zwischen Herbst und Winter.
Gemeinsam beobachteten sie, wie der Nebel die Natur wieder freigab. Zuerst krochen einige Äste aus den Dunstschwaden, sahen aus wie knorrige Hände, dann waren die Umrisse der Bäume zu erkennen, blattlos wie Gespenster durchzogen sie das Tal. Monikas Phantasie gaukelte ihr Hexen vor, die zu Beltane über die Felder tanzten. Schließlich verschwanden auch diese Gestalten, wurden wieder zu Bäumen, die sich trostlos der Sonne entgegenreckten.
Auf dem Rückweg blieb Karen unvermittelt stehen und wandte sich an Monika. „Du mußt dich zwischen Nebel und Sonnenlicht entscheiden. Willst du dir weiterhin etwas vorspielen, so wie es die Dunstschleier mit dir getan haben, oder willst du endlich Klarheit, ohne Versteckspiel und Lügen?“ Sie versuchte sich herauszureden, wurde jedoch barsch unterbrochen. „Solange du anderen die Schuld gibst kommst du keinen Schritt weiter. Du mußt dich verändern und nicht darauf warten, daß es andere tun. Du bist in Selbstmitleid ersoffen.“

Sämtliche Farbe war aus Monikas Gesicht gewichen, sie ballte die Fäuste und schrie Karen an sie solle sich zum Teufel scheren. Diese lächelte, denn endlich hatte sie Moni aus ihrer Gleichgültigkeit gerissen. Sie wollte fortlaufen, Karen hielt sie am Ärmel fest und hakte sich bei ihr unter, so daß sie nicht weglaufen konnte. Von weitem sahen sie aus wie friedliche Spaziergänger. „Erzähl’ mir mehr von dir.“
Monika schluckte und atmete hörbar ein. „Ich habe dir doch erzählt, daß ich von zu Hause rausgeflogen bin.“ Versuchte, ihre Stimme gleichgültig klingen zu lassen.
„Sicher hast du das, aber warum kam es soweit?“
Monika drehte sich zu Karen um. „Das Übliche. Ab einem gewissen Alter taugen manche Töchter eben nicht mehr zum Vorzeigeobjekt. Meine Mutter wollte mich in Röcke stecken, ich trug lieber Hosen. Sie fand meine langen, lockigen Haare entzückend, ich ließ sie abschneiden.“ Moni schnaufte verächtlich. „Sie schrieb mir alles vor, meine Kleidung, mein Essen und meine Freunde. Ich glaube, sie hat nie gewußt wer ich wirklich bin, meinte alle meine Wege selbst bestimmen zu müssen. Eines Abends kam der große Streit, sie ohrfeigte mich und ich schlug zurück. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.“
Schweigend gingen sie ein Stück weiter bis Karen das Thema wechselte. „Und dann hast du angefangen zu trinken?“
Monika lachte kurz auf. „Seltsamerweise nicht, das folgte später. Wie du weißt wohnte ich bei einer Bekannten und nach einiger Zeit gingen wir uns ziemlich auf die Nerven. Ich kam abends völlig fertig nach Hause, stand kurz vor der Abschlußprüfung und wollte einfach mal abschalten. Irgendwann habe ich wohl die Abfahrt verpaßt.“ Karen steckte ihre Hände in die Jackentaschen, blickte zu Boden, überlegte eine Weile und sah Monika dann ins Gesicht. „Warum bleibst du nicht eine Zeit lang bei uns? Du hast im Moment keinen festen Arbeitsvertrag, was hält dich also davon ab?“

Moni brauchte nicht erst großartig nachzudenken. „Nichts, rein gar nichts hält mich ab, außer vielleicht meiner schmutzigen Wäsche.“ Beide prusteten gleichzeitig los, lachten bis ihnen die Tränen in die Augen traten. Endlich ließ der Lachanfall nach, Monika sah sich um und stutzte. „Waren wir hier nicht vorhin schon mal?“
Karen tupfte sich gerade die restlichen Tränen mit einem Taschentuch aus den Augenwinkeln und begann erneut zu lachen. „Ich habe so lange gebraucht, dir die Würmer aus der Nase zu ziehen, daß wir zweimal im Kreis laufen mußten.“ Leicht verfroren und ausgehungert kamen sie auf dem Hof an, liefen geradewegs in die Küche um sich mit Tee wieder aufzuwärmen. Karen umfaßte ihre Tasse mit beiden Händen, blies die aufsteigenden Dampfschwaden über den Tassenrand und kam erneut auf ihr Angebot zu sprechen. „Du kannst solange bleiben wie du willst.“
Monika nahm sie beim Wort und wohnte den ganzen Winter über auf dem Hof. Sie bekam ihr eigenes Atelier zur Verfügung gestellt, teilte sich mit Karen den Haushalt und lernte, die Abende zu genießen ohne dabei zur Flasche greifen zu müssen. Nach fast drei Monaten unterbreitete sie Karen und Edward ihre Absicht den Hof zu verlassen.
Sie saßen beim Abendbrot und Monika erwartete eigentlich, zurückgehalten zu werden. Stattdessen zuckte Edward mit den Schultern und Karen reagierte ebenso gleichgültig. „Wenn du meinst, daß du den Weg nun alleine gehen kannst?“ Mehr sagte sie nicht und trotz allem verbrachten sie diesen letzten Abend wie immer, ohne Trauer oder Abschiedsworte.
Am Morgen packte Monika ihre wenigen Sachen zusammen. Karen begleitete sie bis zur Haustür, lächelte und übergab ihr den Schlüssel zu Monis Atelier. „Für den Fall, daß du mal ein wenig Ruhe brauchst.“
Sie nahm den Schlüssel entgegen, ging auf das wartende Auto zu ohne sich noch einmal umzusehen. Edward fuhr sie bis vor ihre Wohnung, sagte knapp Aufwiedersehen, wie man eben gute Bekannte verabschiedet, denen man ohnehin jedes Wochenende begegnet. Monika schloß ihre Wohnung auf, trat ans Fenster, sah Edwards Wagen gerade noch um die nächste Straßenecke biegen. Sie lief in die Küche, machte den Kühlschrank auf, holte eine Flasche nach der anderen heraus und schüttete den Inhalt in den Ausguß.

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